Libellen am Greifensee und an der Glatt - Jäger auf gläsernen Schwingen

Libellen gehören zu den faszinierendsten Insekten. In mancher Hinsicht gleichen sie den Vögeln: Sie haben leuchtende Farben wie die Eisvögel, vollführen atemberaubende Flugmanöver wie die Mauersegler, fangen ihre Beute im Flug wie die Wanderfalken, unternehmen Langstreckenflüge wie die ziehenden Kuckucke und balzen wie die Birkhähne. Aufgrund ihres Körperbaus, ihren Organfunktionen, ihrer Jungendentwicklung und ihres erdzeitlichen Alters sind Libellen aber völlig andere Lebewesen.

Libelle Grosser Blaupfeil
Grosser Blaupfeil Libelle
Libelle Plattbauch
Plattbauch Libelle
Libelle Becher Azurjungfer
Becher Azurjungfer Libelle
Libellen gehören zu den best erforschten Insekten. Das Wissen über diese Tiergruppe ist in Tausenden publizierter Arbeiten festgehalten. Gleichzeitig bestehen noch grosse Forschungslücken. Die Schwerpunkte der Libellenforschung liegen heute in den Bereichen Systematik, Sinnes- und Neurobiologie, Flugkinematik, Evolutionsbiologie, ökologie, Verhaltensökologie und Naturschutzbiologie.

Libellen gehören zu den am stärksten gefährdeten Insekten. 53% der Arten stehen in der Schweiz auf der Roten Liste. In anderen Ländern Mitteleuropas ist die Situation ähnlich. Als auffällige und verhältnismässig gut bekannte Tiergruppe kommt den Libellen im Naturschutz heute eine ähnliche Rolle zu wie den Schmetterlingen, Amphibien, Vögeln und Blütenpflanzen, indem sie auch als Indikatoren für die objektive Beurteilung bestimmter Lebensräume dienen. Bei den Schmetterlingen sind es Magerwiesen und lichte Wälder, bei den Libellen verschiedene Gewässertypen.

Seit Urzeiten bevölkern Libellen unsere Erde. Als Versteinerungen sind die ältesten über 300 Millionen Jahre alt. Bereits 170 Millionen Jahre früher als die ersten Dinosaurier machten riesige Libellen mit einer Flügelspannweite von über 70 cm Jagd auf andere Insekten. Die Dinos sind ausgestorben, die Libellen haben überlebt und zählen mit Flügelspannweiten von bis zu 19 cm – einheimische bis über 10 cm – auch heute noch zu den grössten Insekten auf der Erde. Obwohl sie Räuber sind und wegen ihrer riesigen Augen manchen Menschen bedrohlich vorkommen,
sind sie völlig harmlos: Sie können weder stechen noch beissen! Alle anderen Behauptungen gehören ins Reich der Fabeln.

Libelle-Blutrote-Heidelibelle
Blutrote Heidelibelle
Libelle-Gebaenderte-Prachtlibelle
Gebänderte Prachtlibelle
Libelle-Kleine-Zangenlibelle
Kleine Zangenlibelle Libelle
Am Greifensee und an den umliegenden Gewässern und Feuchtgebieten sind bis heute 59 Libellenarten nachgewiesen! Zwei davon gelten als ausgestorben, dafür konnte letztes Jahr eine neue Art zum ersten Mal in dieser Gegend gefunden werden. Direkt im See entwickeln sich weniger Arten als in den umliegenden Weihern, Wiesenbächen, Tümpeln, Moorgewässern und Flüssen. Eine allgegenwärtige Grosslibelle ist der Grosse Blaupfeil, der oft mit dem Plattbauch verwechselt wird. Letzterer besiedelt frisch geschaffene Weiher und Gräben schon nach kurzer Zeit und wird deshalb als Pionier eingestuft. Die kleinen blauen Stäbchen, die oftmals in grosser Anzahl am Seeufer zu beobachten sind, gehören zu den Kleinlibellen. Meist handelt es sich um die Becher-Azurjungfer. Nur wer sich etwas eingehender mit diesen faszinierenden Insekten auseinandersetzt, kann die einzelnen Arten voneinander unterscheiden. So sieht eine Becher-Azurjungfer für den unerfahrenen Laien wie eine Hufeisen-Azurjungfer, eine Fledermaus-Azurjungfer oder eine Speer-Azurjungfer aus. Wer in den ersten Maitagen einem dünnen roten Stäbchen begegnet, hat mit Sicherheit eine Frühe Adonislibelle entdeckt.

Weitere rot gefärbte Libellen erscheinen im Hochsommer. Neben der leuchtend roten Feuerlibelle sind es mehrere Arten von Heidelibellen. Am Greifensee fliegen unter anderen die Frühe Heidelibelle, die Grosse Heidelibelle, die Gemeine Heidelibelle und die Blutrote Heidelibelle. Häufig trifft man auf eine Kleinlibelle mit einem schwarzen Hinterleib und einem blauen Schlusslicht. Höchstwahrscheinlich hat man es dann mit der Grossen Pechlibelle zu tun.

Besonders faszinieren ist es, den Prachtlibellen zuzuschauen, wenn sie auf ihren Balz- und Revierflügen minutenlang schmetterlingshaft über einem langsam fliessenden Gewässer flattern, zum Beispiel an der Glatt, wo auch die Kleine Zangenlibelle vorkommt.

Diese kurze Aufzählung zeigt schon, dass es eine Vielzahl von Libellen gibt und dass es sich lohnt, genauer hin zu schauen.

Als bunt gefärbte, geflügelte Insekten stehen die Libellen im letzten Abschnitt ihres Lebens. Dieses beginnt im Ei, aus dem eine winzige, im Wasser lebende Larve schlüpft, die über mehrere Häutungen schrittweise wächst. Ausgewachsen kriecht sie an Land und wandelt sich zur erwachsenen Libelle. Bei den meisten Arten dauert das Leben im Ei- und Larvenstadium weitaus länger als das Erwachsenenleben. Je nach Art werden die Eier in Wasserpflanzen eingestochen, in den Boden eingehämmert oder aus freiem Flug abgeworfen. Das Schlüpfen der Larve erfolgt entweder bald nach der Eiablage oder erst nach einer Winterpause. Libellenlarven leben, je nach Art, einige Wochen bis fünf Jahre. Manche Arten graben sich in den weichen Untergrund, andere wiederum klettern im Gewirr der Wasserpflanzen umher. Sie fressen ausschliesslich kleine Insekten und andere Wassertiere, die sie mit einem speziellen Mundwerkzeug, der Fangmaske, erbeuten.

Mit dem Schlüpfen vollziehen die Libellen den Wechsel vom Larven- ins Erwachsenenleben und damit vom Wasser in den Land- und Luftraum. Auch als erwachsene Tiere ernähren sie sich ausschliesslich von anderen Insekten, die sie meist im Flug fangen und verspeisen. Nach einer ein- bis mehrwöchigen Reifungszeit kehren die nun geschlechtsreifen Tiere an die Fortpflanzungsgewässer zurück. Mit der Paarung und Eiablage schliesst sich der Lebenskreis. Bei fast allen Libellenarten endet das Erwachsenenleben wenige Wochen bis spätestens drei Monate nach dem Schlüpfen.

Bis zum Spätherbst stirbt der gesamte Libellenbestand. Sämtliche Libellennachkommen verbringen den Winter entweder als Ei oder als Larve. Bei uns gibt es allerdings eine Kleinlibellenart, die als erwachsenes Insekt den Winter überdauert. Es ist dies – wen wundert’s - die Gemeine Winterlibelle. Sie darf nicht auffallen und ist daher gut getarnt: braun-grau gescheckt wie ein abgestorbenes Pflanzenteil. So ist es ihr möglich, unentdeckt mehrere Monate lang den eiskalten Winter zu überleben. Sie hält Temperaturen bis zu -18°C aus.

Im letzten Herbst wurden am Ufer von einem der im Riediker- Rälliker Riet neu angelegten Weiher mehrere Larvenhäute der Zierlichen Moosjungfer gefunden. Bis dahin konnte diese Libellenart noch nie am Greifensee beobachtet werden. Wie es dieser Art gelungen ist bei uns Fuss zu fassen, ist unklar; die nächsten bekannten Fundorte befinden sich im Aargauer Reusstal sowie in einem Lehmweiher bei Winterthur. Wird sich diese Art wohl halten können?

Sehr gut lassen sich Libellen an den Weihern in der Naturstation Silberweide beobachten. Aber auch ein langsamer Spaziergang entlang einem der kleinen Wiesenbäche in der Umgebung des Greifensees, entlang der Glatt oder längs der Mönchaltorfer Aa lohnt sich, denn dort fliegen die herrlichen Prachtlibellen, die an ihren blauen Flügeln zu erkennen sind. Im letzten Jahr wurde die Gebänderte Prachtlibelle von Pro Natura zum Tier des Jahres gekürt.

(2008 Stefan Kohl, Uster)